Vergehen, Versprechen und zwei Apfelbäume

Der goldene Oktober ging viel zu schnell vorbei. Während wir uns noch eine Nordseebrise um die Nasen wehen ließen und bei bestem Wetter Fahrrad fuhren, rückte schon der nächste „Lockdown light“ heran. Wir kehrten von einer Insel zurück und wurden umgehend zu Inseln innerhalb unserer Gesellschaft: Abstand halten, Schutz der Vulnerablen, das Leben anpassen an steigende Inzidenzwerte.
Zusätzlich drückt die übliche Melancholie der Jahreszeit und das endgültige Vergehen der herbstlichen Farben auf die Stimmung. Jeder weitere Novembertag füllt den Garten mit Kälte, Nässe, matschigen Blätterhaufen auf dem Rasen und schweren Erdklumpen, die an den Gärtnerschuhen kleben bleiben. Sträucher zurückzuschneiden und den Garten winterfest zu machen, ist weniger spaßig und gleichzeitig versprechen uns die schon sichtbaren Knospen des Cornus ein neues Werden. Wir werfen Blumenzwiebeln in die Luft und pflanzen sie dort ein, wo sie hinfallen. Das Gärtnerherz hofft auf üppige bunte Tulpensträuße, duftende Narzissen und feinperlende weiße Muscari im nächsten Frühling.
Der ausgesäte Spinat mäkelt an seinem Standort. Liegt es an fehlenden Sonnenstrahlen oder mag er nicht, dass vor ihm grüne Bohnen in der Erde steckten? Wir streicheln beim Gartenrundgang über den letzten Fenchel und pflanzen der aktuellen Weltpolitik, den sinnlosen gewalttätigen Angriffen der Menschen untereinander und der scheinbar (noch) nicht enden wollenden Pandemie zum Trotz gleich zwei Säulenapfelbäume. Manchmal hilft nur noch eine doppelte Portion Zuversicht und Rilke beim Novemberblues: 

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit, 
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.“

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