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Hülle, Fülle und eine große Leere

Das letzte Kalenderblatt schrieb ich Ende Juni. Meine naive Vorfreude auf die nahen Sommerferien war groß und der Garten machte in der Zwischenzeit sein Ding: Einigen Gemüsesorten und Stauden bekam der Wechsel aus Wärme, kühleren Tagen, Trockenphasen und Regenperioden offenbar ganz gut…Madame Zucchini breitete sich hemmungslos aus und versorgt uns mit immer neuen Blüten und Früchten, Platz genug hat sie in ihrem Beet. Den Tomaten fällt es in diesem Jahr deutlich schwerer zur Reife zu gelangen, dafür sind die ersten Chocolate Chilischoten fast erntereif. Die meisten goldgelben Kartoffeln werden wir nach dem Urlaub ausbuddeln, einige köstliche Knollen landeten schon im Kochtopf.
Eine letzte dicke Saubohne pulte ich heute aus ihrer Schale. Sie hing an einer Art Plazenta, verbunden mit der sie nährenden Außenhülle.
Ihres Schutzes beraubt tat sie mir fast leid, denn nun ist auch sie den aktuellen Vorgängen in der Außenwelt ausgesetzt:
Während ich zu Beginn der Ferien alte Freund:innen in meiner Heimatstadt aus New York und aus Emsworth traf (natürlich coronakonform), zum Grillwürstchen eingeladen wurde, Käsekuchen mit Stachelbeeren und Marmorkuchen in den Ofen schob, Süßkartoffelsuppe kochte, im Freibad schwamm, ein Zelt auf- und wieder abbaute (nachdem eine Nachbarskatze unbemerkt hinein gepinkelt hatte), eine Strickjacke für den Herbst begann und einen Reiseführer über Userdom las, da verlangsamten sich für einen klitzekleinen kurzen Moment die Umdrehungen in Raum und Zeit - Frieden wurde spürbar, ganz kurz. Und dann war‘s damit auch schon wieder vorbei…
Extremwetterlagen in Deutschland entwurzelten Bäume, verwüsteten Häuser und ganze Landstriche, rissen Familien auseinander und töteten ihre Angehörigen. Hitzewellen und Brände im Süden, Italien, Griechenland, Spanien…der Klimawandel wird nicht nur spürbar, sondern plötzlich wieder auch zum Wahlkampfthema. Der eine lacht noch, die andere nicht mehr.
Erst ein Erdbeben und anschließend ein Hurrikan mit starken Regenfällen brechen über Haiti herein, wieder sterben sehr viele Menschen oder werden obdachlos. Am vergangenen Wochenende treibt ein junger Mann in der uns nahen Weser, während ihn Augenzeugen noch vom Ufer aus um Hilfe rufen hören und sehen, wie er mit den Armen winkt. Wenige Tage später wird er leblos gefunden. 
Afghanistan fällt wieder zurück in die blutigen Hände der Taliban, Menschen versuchen zu fliehen, Mädchenschulen müssen wieder schließen, Frauenrechte gibt es nicht mehr. 
Mir fehlen die Worte.
Ich blicke in die leere Bohnenhülle, die vor mir auf dem Tisch liegt.
Wie kann man dieses ganze große Elend in Verbindung zur Natur, dem Kleinen, dem Bunten, dem Schönen setzen? 
Kann man das? Darf man das? 
Beim heutigen Rundgang durch den Garten brummen diverse Insekten friedlich von einer Blüte zur anderen. Eine kleine Schnecke zeigt vorsichtig ihre Fühler, nachdem ich sie nach dem kurzen Regenschauer wärmend angehaucht hatte. 

„Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zu viel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
Wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten? 
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen? 

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer fasst in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum? 

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg? 
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?“

aus: Die Gedichte 1910 bis 1922
Der Rilke hilft, immer wieder.


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